Zauberwürfel

Würfelzauber

„Wenn ich ehrlich bin, hätte ich sogar richtig Hunger. Was ist mit dir?“ Schon seit der letzten Pause in diesem Workshop knurrt mir der Magen.

„Klingt verlockend.“ Timo folgt mir in meine Ein-Zimmer-Wohnung.

„Allerdings fürchte ich, dass wir zaubern müssen.“ 

Um mich für seinen abendlichen Begleitdienst zu bedanken, habe ich ihn eingeladen.

„Zaubern? - Wir könnten mit dem hier anfangen.“ Timo nimmt den Zauberwürfel von meinem Regal, von dem ich mittlerweile regelmäßig den Staub abwische.

„Er sieht benutzt aus – bist du gut?“, fragt er.

Um ihn nicht zu entmutigen, zucke ich mit den Schultern. Gleichzeitig kehren die Erinnerungen zurück. Ich spüre wieder das abgerundete Plastik in der Hand, will dringend die vertrauten Drehungen ausführen, freue mich auf die Genugtuung, die Farben zu sortieren, den Klötzchen ihren Platz zuzuweisen.

Er streckt mir den Würfel entgegen. „Verdreh ihn mal für mich.“ 

Fünfmal habe ich Timo in dieser Fortbildungsreihe getroffen, wo wir Konzepte zu Projekttagen am Gymnasium erarbeiten. Mit unterhaltsamer Mimik kommentierte er die Vorträge quer durch den Raum, würzte unsere Pausengespräche mit trockenem Humor. Seine Ideen zur Motivation von Schülern entfachten meine Neugier.

Timo zieht die Stirn kraus und die zwei kleinen Kommata an den Brauen erscheinen. „Wusstest du, dass es einen Weltrekord gibt, in dem ein Junge drei Zauberwürfel löst, während er sie jongliert?“ 

kurz Geschichte Flirt

„Du kannst mit einem anfangen“, zwinkere ich, während ich ihm den bunten Würfel zurückreiche. Dazu drücke ich ihm eine Kaki und eine Nektarine aus meiner Obstschale in die Hand.

Er grinst und legt los. „Das ist die Kaskade.“

Staunend beobachte ich, wie er die Früchte und den Würfel auf die Kreisbahnen schickt.

„Und so sieht sie rückwärts aus.“ Er ändert die Wurfrichtung, den Blick in den Raum zwischen den Gegenständen gerichtet.

Timo hält kurz inne, erweitert seine Zusammenstellung um eine Avocado und wirft ein anderes Muster. „Vier Stücke ergeben eine Fontäne.“ 

„Cool! Kannst du dabei auch Einradfahren?“

„Okay, daran arbeite ich bis zum nächsten Workshop.“ Da ist es wieder, das verschmitzte Strahlen, das zwischen seinen Worten durchblitzt.

„Aber dein Wunsch ist ein geordneter Würfel.“ Er fängt die vier Objekte nacheinander.

Ich nehme den Topf aus dem Schrank, befülle ihn mit warmem Wasser, drehe den Herd an, gebe Salz dazu. Hinter mir lässt mich das vertraute Rattern ahnen, dass er die Farbquadrate rasch auf die richtigen Seiten sortiert.

„Lass uns die Zeit stoppen, wer ihn schneller löst.“ Herausfordernd präsentiert er, wie erwartet, den fertigen Würfel in seiner Hand. „Aber sei gewarnt!“

„Wer zaubert derweil in der Küche?“

„Na, ich koche, während du eine halbe Stunde Zeit hast, ihn zu lösen.“

Ich schubse ihn scherzhaft am Oberarm. „Angeber!“

Die Bandnudeln rascheln, als ich sie ins kochende Wasser gleiten lasse. Timo verdreht den Würfel für mich, reicht ihn mir, bevor er den Kopf in meinen Schrank steckt und die Vorräte durchsieht.
Jetzt gilt es. Von allen Seiten präge ich mir die Position der farbigen Ecken ein. „Pass auf! Halte das Kochbuch über den Würfel, damit du mir glaubst. Ich werde ihn blind lösen.“ 

kurz Geschichte Kuss

Den Würfel in der Ausgangsstellung, Grün vorne, Weiß oben, rufe ich mir den Lösungsweg ins Gedächtnis. Timo hält das Pasta-Buch zwischen mein Gesicht und meine Hände, dann schließe ich die Augen. Nacheinander arbeite ich die Algorithmen ab. So lange ist es her, aber die Erinnerung gelingt mir mühelos. 

Kurz vor Ende spüre ich eine Berührung am Mundwinkel und schrecke zurück, reiße die Augen auf. 

„Spielverderb ...!“, beschwere ich mich. Da erkenne ich, dass Timo sich zu mir geneigt hat, ganz nahe, und mich mit seinen Lippen zart berührt hat. 

„Du bist süß“, murmelt er an meinem Mund. Ein Kribbeln läuft mir über das Gesicht und ich lege die Hand mit dem fast gelösten Würfel an seine Schulter: 

„Aber ich bin noch nicht fertig.“

„Ich auch nicht.“

Einige Minuten später lösen wir uns erhitzt voneinander, füllen die Stille mit Gesten, die keinen Sinn ergeben, wissen nicht recht, wohin wir schauen sollen. Zunächst beende ich mit ein paar Zügen den Würfel, trotz zitternder Finger, während er den Kühlschrank öffnet.

„Hast du diesen Käse mit blauem Flausch?“

Ich sehe ihn irritiert an. „Wovon sprichst du?“

„Offenbar nicht, ich finde nur welchen mit Weißem.“ Seine Hand erscheint mit einem Camembert.

Ich schiebe mich sanft vor ihn und greife in das untere Fach des Kühlschranks: „Du suchst Gorgonzola.“ 

Er legt sein Kinn leicht auf meine Schulter und es kitzelt an meinem Ohr, als er sagt:

„Aus dem kann man eine geile Soße zaubern.“




Beitrag zur Lesung der Literarischen Quadrate im März 2024 in Mannheim, 
Thema: "Avocado, Jonglieren, blauer Flausch - macht Geschichten!"