Kleiden
Der Lärm drückt auf meine Ohren, die Durchsagen zerren mir an den Nerven. Ich bin verschwitzt und mir ist immer noch zu warm, obwohl ich schon eine Weile hier stehe und nicht mehr durch die volle Halle hetzen muss. Pavarotti, unser Labradoodle, presst sich rückversichernd an mein Bein.
Hier stehen wir an den Gleisen, gleich wird der ICE eintreffen. Eine frohe, fast ausgelassene Stimmung erfüllt mich. Noch immer spüre ich diese Aufregung in der Brust, wenn ich an sie denke.
Evi.
Sie kommt nach Hause. Kehrt zurück in meine Heimatstadt, die seit ein paar Jahren auch ihre ist.
Und dann liegt endlich diese Zeit der Entbehrung, die Zeit der Leere hinter uns.
Welches Kleid wird sie heute tragen? Ich lächle beim Gedanken an ihre Vorliebe für blumige Outfits, die oft im Wind flattern, von denen sich viele im Verlauf unserer Beziehung angesammelt haben. Zu jedem Dress kann sie die besondere Geschichte erzählen.
Das Kleid, in dem sie mir in der Uni-Cafeteria zum ersten Mal einen Eiskaffee bereitet hat. Das Outfit, als ich ihr meine Zuneigung gestanden habe. Jenes, das sie zu meiner Examensfeier getragen hat, jenes auf der Cocktailparty, als ich in die Kanzlei eintrat. Das pastellige an jenem Abend an der kretischen Küste, als ich sie gefragt habe, ob sie meine Frau werden wolle. Das Kleid natürlich, als sie auf dem Standesamt mit meinem Namen unterschrieb. Zu jedem Urlaub in den Häusern meiner Familie ein anderes, zu jeder neuen Opernsaison. Zu den vielen Geschäftsessen, Empfängen und Galas, die meinen beruflichen Aufstieg begleitet haben.
Immer bin ich stolz auf sie, auf ihren stilsicheren Geschmack, auf ihre zurückhaltende Art, auf ihre weiche Stimme. Wenn sie mir eine überraschende Beobachtung zuflüstert, wenn sie ihre zarte Hand in meinen dunklen, gebeugten Anzugarm schiebt und ich sie den anderen vorstelle.
Sie erzählt auch von den Kleidern, als ihr Vater befördert wurde, als ihre Mutter das Café eröffnet, als ihre Schwester sich verlobt hat.
„Gib sie nicht weg“, empfahl ich, „sie sind deine Art des Erinnerns. Dein Kleiderschrank gleicht einem Album.“
Ihr Blick wurde eigenartig, als sie antwortete: „Es gibt kaum ein Kleid, das mich an eigene Projekte erinnern könnte. Immer bin ich nur die Frau an deiner Seite.“
Ich nahm sie in den Arm. „Das bist du. Mein Schmuckstück, meine Zierde. Meine Erfolge sind deine Erfolge, ich lege dir alles zu Füßen.“
„Das reicht mir nicht mehr.“
Und so begann sie diesen Lehrgang zur Immobilienkauffrau. Was das bedeutete, war mir nicht klar. Monatelang Wochenendbeziehung, Pauken, Lernstress. Die Wochenenden waren angefüllt mit solchen Themen wie Objektfinanzierung und Immobilienbewertung. Die Prüfungen waren zahlreich und vereinnahmend.
Statt ausgewogener Sandwiches mit Rohkost, die sie mir immer vorbereitet hatte, nahm ich vorlieb mit den Mittagstischen des Restaurants neben der Kanzlei. Statt mit von ihr selbstgekochtem Abendessen musste ich mich mit Brot und Wurst begnügen. Ich befüllte den Kühlschrank, goss die Zimmerpflanzen, organisierte einen Hundespazierer. Ich koordinierte die Putzfrau und erklärte der Haushälterin, wie sie meine Hemden bügeln sollte. Den Flügel ließ ich stimmen und die Fenster reinigen. Schweren Herzens sagte ich gesellschaftliche Termine ab. Daneben hielt mich mein eigenes Arbeitspensum auf Trab.
Ich brachte Opfer, gab ihr Freiraum, schraubte meine Bedürfnisse zurück.
Doch jetzt war diese Zeit vorbei. Sie hatte die Prüfungen hinter sich gebracht. Normalität und Routine werden zurückkehren, wir werden wieder das gemütliche Glas Wein auf dem Sofa genießen und ebenso die geruhsame Zweisamkeit am Wochenende.
Und weitere farbenfrohe Kleider werden unseren Schrank bevölkern.
Zischend öffnen sich die Zugtüren der ersten Klasse.
Dort kommt sie. Die braunen Haare umspielen ihr Gesicht.
Doch wo sind die Pastelltöne? Wo die blumigen Stoffbahnen, die ihre Figur umschmeicheln?
Stattdessen ein grüner Hosenanzug mit Bügelfalte. Über dem Arm liegt hellgrauer Stoff, in Folie gehüllt.
Pavarotti bellt, ich bin verblüfft. „Kein neues Lieblingskleid?“
„Nikolas.“
Sie nennt meinen vollen Namen, nicht Nino, den Kosenamen, den sie mir in unserer ersten gemeinsamen Nacht gegeben hat.
„Zwei Anzüge für dich.“ Sie hebt ihren Arm. „Hellgrau. Am Samstag gebe ich einen Empfang bei jenem Immobilienunternehmen. Und am Sonntag kommen die ersten Kunden.“
„Das ... das ist ...!“, rufe ich ratlos.
„Du sollst an meiner Seite sein, du sollst mich begleiten.“
Beitrag zur Lesung der Literarischen Quadrate im September 2024 in Mannheim,
Thema: "Wir haben auf dich gewartet"