Wagnis
„Unvorsichtigerweise hast du dir Nervenkitzel gewünscht, Simon.“ Nele sieht mich schelmisch an.
„Nein, habe ich nicht“, versuche ich mich erschrocken aus der Affäre zu ziehen. Was hat sie nun wieder vor?
„Vielleicht waren es auch Wagnisse? Mutproben?“ Nele lässt sich nicht beirren. Habe ich eine Chance?
Früh am Sonntagmorgen fahren wir mit dem Auto los. Bequeme Sportkleidung sollte ich anziehen und lieber noch eine Weste darüber. Durch die Autoscheiben beobachte ich mit zunehmender Beklemmung, wie sich die Landschaft von dicht besiedelter Bergstraße in Odenwälder Idylle verwandelt. Mit sanften Hügeln, Kuhweiden und kleinen Laubwäldern, kaum dass wir den Tunnel hinter uns gelassen haben.
Nele stellt den Motor auf einem kleinen Parkplatz ab, sieht mich mit funkelnden Augen an und küsst mich liebevoll. „Das hier ist unser Fest, Simon. Fast genau am Jahrestag unseres Kennenlernens. Wer hätte das geglaubt vor einem Jahr?“ Wieder küsst sie mich. „Das hier ist der Grund, warum ich dich liebe.“
„Der Grund?“
„Um genau zu sein, der tausendunderste Grund.“ Sie macht eine umfassende Geste, die alles einzuschließen scheint. Den Kofferraum, den Odenwald und den Himmel. „Dass du so hart an dir gearbeitet hast und dass du dieses Wagnis heute mit mir erleben willst.“
Ein warmes Gefühl breitet sich in meinem Körper aus und lässt mich meine Bedenken hinunterschlucken.
Wenig später klopft mein Herz doch wieder bis zum Hals, der leichte Wind schafft es nicht, meine erhitzten Wangen zu kühlen. Ich stehe am Hang, bin eingepackt und verschnürt. Neles vertraute Stimme erklingt dicht hinter mir. „Ich frage dich zum letzten Mal: Bist du bereit, Simon?“
„Ja, bin ich.“ Meine Stimme bricht, weil ein Rest Zweifel geblieben ist. Daher rufe ich mir die Stationen der schweißtreibenden Vorbereitung in Erinnerung: Zuletzt haben wir zusammen das Skyline Dreh-Restaurant im Fernmeldeturm Mannheim besucht und von dort auf die Miniaturstadt unter uns geschaut. Mit meinen zittrigen Händen habe ich mich an einem stolzen Rindfleisch-Burger mit Barbecue-Soße festgehalten und meinen trockenen Mund habe ich mit einem Eichbaum Hefeweizen gespült.
„Das Allerwichtigste ist, dass du rennst, so schnell du kannst. Egal was passiert, auf keinen Fall stehenbleiben. Wirst du das schaffen?“
„Ja, werde ich.“
„Perfekt. Denk immer daran: Ich passe auf dich auf.“
„Ich vertraue dir, Nele.“
Ich bin jetzt schon außer Atem. Der Helm drückt an den Seiten und der Riemen am Kinn spannt. Nele hantiert mit den Schnüren und Seilen hinter sich. Ich halte besser meinen Blick auf die abschüssige Wiese vor uns. Suche schon einen Weg zwischen den vielen Maulwurfshügeln hindurch.
„Auf mein Kommando. Mit rechts zuerst.“ Nele kann die Anspannung unter ihrer zielstrebigen Führung nicht ganz verbergen. Ich bewundere sie. „Drei – zwei – eins – los!“
Mit aller Kraft lege ich mich in die Gurte und renne los. Nele im Gleichschritt dicht hinter mir. Anfangs kommen wir kaum vom Fleck, trotz aller Anstrengung. Doch ich stürme unbeirrt vorwärts, dankbar, dass ich nicht mehr tun muss. Nach wenigen Sätzen verliere ich den Kontakt zum Boden, trete in die Luft und hänge in den Gurten. Der Übergang ist weich und unspektakulär. Wind rauscht in meinen Ohren. Unter mir saust die Wiese vorbei, wir steigen höher, überfliegen die ersten Bäume.
Irre.
„Ja-haa!“, schreit Nele hinter mir.
Ich bin noch damit beschäftigt, abzuchecken, ob ich nicht doch in Panik verfallen sollte. Aber ich fühle mich erstaunlich sicher gehalten in diesem Tandemgurt, direkt vor Nele. Straff gespannte Seile links und rechts führen zu dem riesigen, sichelförmigen Gleitschirm über uns. Die Luftkammern sind gefüllt, so dass er prall und stabil wirkt. Die aufgehende Sonne lässt das Orangerot des Stoffes leuchten. Nele fliegt einen leichten Bogen, so dass ich zurückblicken kann. Rasant lassen wir den Startplatz neben der Seilbahn hinter uns, dort, von wo aus sie die letzten Wochen die Tandemlizenz erworben hat.
„Alles klar, Simon?“, ruft sie.
„Denke schon.“
„Vergiss nicht das Atmen. Und das Jubeln!“
Also atme ich tief die lebensvolle Luft ein und schreie ein zaghaftes Juhu hinaus in die Weite des Odenwälder Himmels.
Wir fliegen.
Beitrag zur Lesung der Literarischen Quadrate am Welttag der Poesie. Thema: "Es begann mit einem Nein", 21.3.2025