Alte Villa am Meer
„Finja, lass uns Gangster jagen!“, ruft Leon und rennt los.
Ich weiß, was er vorhat. Wir sind wieder auf dem Weg zu unserem Geheimversteck. Mit unseren Eltern ist nichts los. Sie liegen die ganze Zeit auf der Decke in der Sonne und drehen sich wie Würstchen auf dem Grill. Mal auf die eine, mal auf die andere Seite. Sie waren noch nicht einmal im Meer.
Bis auf Sören, Leon’s Papa. Der ist lustig. Der sucht immer die Felsen nach Krebsen und Seeigeln ab. Einfach so. Dann bringt er sie mit und zeigt sie uns. Mich hat eine Krabbe mal in den Finger gezwickt, als er sie mir gegeben hat. Vor lauter Schreck habe ich losgelassen. Da hing sie noch an meinem Finger. Es hat schon weh getan, aber nicht arg. Und geblutet hat’s auch nicht.
Am lustigsten sind die Einsiedlerkrebse. Die sind oft ganz weit drinnen in ihrem Schneckenhaus, dass man denkt, da ist nur eine Schnecke auf der Decke. Doch auf einmal hebt sie sich hoch und läuft davon. Das ist so witzig!
Jetzt laufe ich also Leon hinterher. Der ist immer so schnell, dass ich ganz außer Puste komme. Aber ich kenne ja den Weg. Nach dem Durchgang muss ich über zwei Terrassen mit kaputtem Boden, vorbei an den riesigen Palmen, dann die Treppe, um das Haus herum. Meine Mama sagt, das ist eine Villa. Weil es Türmchen und Balkone und solche Verzierungen hat. Die Villa ist in meiner Lieblingsfarbe gestrichen, nämlich Himbeereis.
Das ist auch Barbies Lieblingsfarbe. Deswegen ist das die Urlaubsvilla von Barbie, wo sie immer hinfährt. Ob Ken mitkommt, weiß ich noch nicht. Muss ich mir noch überlegen. Auf alle Fälle fährt sie mit ihrem Cabrio. Das ist rosa und passt deswegen.
Die Villa ist schön. Zumindest meistens, denn überall ist was kaputt. Die Wände haben Löcher und da schauen so rostige Stangen raus. Die Gardinen hängen schief in den Fenstern und manche Scheiben sind zerbrochen. Da wo man reinschauen kann, sieht man Müllzeug auf dem Boden. Meiner Mutter würde das nicht gefallen. Da müsste unbedingt mal jemand aufräumen, würde sie sagen.
„Wo bleibst du denn?“ Leon sieht ganz kribbelig aus und winkt mich zu sich. Am Eingang zu der Villa hält er die Tür auf: „Schau mal, da brennt heute Licht!“
„Oje, dann will ich nicht rein. Das ist unheimlich. Da sind bestimmt Leute drin.“
„Nein, komm. Wir lassen uns nicht erwischen.“
Also folge ich ihm auf Zehenspitzen. Ich bin ja kein Weichei.
Unter meinen Füßen knirscht es bei jedem Schritt. Dafür kann ich nichts. Das ist bestimmt von dem ganzen Dreck, der überall liegt. Das ist echt schade, denn der Boden ist aus so glänzendem Stein. Wie bei dem Badezimmer in unserer Ferienwohnung. Da kann ich mich im Boden spiegeln. Nicht so richtig wie in einem echten Spiegel, aber ich sehe, wie ich von den Füßen nach unten hänge. Also ohne wirklich zu hängen natürlich. Das ist lustig. Ich habe mich mal auf ein Bein gestellt. Da hing ich im Boden an nur einem Bein.
Hier ist der Boden so dreckig, dass man sich gar nicht spiegeln kann.
Ich schleiche also Leon hinterher. Wir ducken uns beide, damit wir nicht entdeckt werden. Wir jagen bestimmt wieder jemanden. Wie jedes Mal.
„Ich will hier hoch gehen.“ Ich zeige zu der einen der beiden gebogenen Treppen.
„Gut, dann gehe ich da drüben hoch. Bleib immer in Deckung! Und sag mir, wenn du was gefunden hast!“
Auf der Treppe knirschen meine Schritte nicht mehr, weil da ein Teppich liegt. Ein dunkelroter. Mit goldenen Schrauben und Stangen. Wie in einem Schloss. Aber den müsste man unbedingt staubsaugen.
Oben ist es dunkel, aber nicht ganz. Ich biege in die eine Seite des Gangs und taste mich an der Wand entlang. Vom anderen Ende höre ich Stimmen, ein bisschen leise, von hinter einer Tür. O weh! Ich will am liebsten weglaufen. Leon kann ich nirgends sehen. Jetzt klopft mein Herz ganz fest und ich presse mich an die Wand.
„Ich bin hier“, flüstert Leon auf einmal neben mir und guckt ganz ernst. „Ich habe meine Walther PKK dabei. Wo sind die Gangster?“
Ich zeige in die Richtung, von wo die Stimmen kamen.
„Hast du unser Fluchtauto vor der Tür geparkt?“
Ich nicke stolz und stelle mir das Himbeer-Cabrio von Barbie vor.
„Wir könnten dabei draufgehen. Alle beide. Du musst dich entscheiden. Willst du mit mir kommen und Spectre das Handwerk legen?“
Ich weiß nicht, wer Spectre ist, nicke aber. Wenn Leon mutig ist, dann bin ich es auch.
Jetzt hören wir ein dumpfes Tapp-Tapp, das näherkommt.
„Da kommt jemand“, flüstert Leon.
Ich will weglaufen. Aber wohin?
Ganz fest quetsche ich mich an die Wand, wo eine Nische ist. Jemand kommt auf den Flur - und ich kann nicht atmen. Er entfernt sich in den anderen Flur. Es geht eine Tür und ein Lichtstreifen kommt ganz nahe. Der Lichtstreifen verschwindet. Ich will tief atmen, da gibt die Wand nach. Ich verliere das Gleichgewicht und quietsche auf.
„Au!“ Mein Po tut weh, auf den ich gefallen bin. Jetzt ist es ganz dunkel um mich.
Bösewicht-Schwarz.
„Leon?“
„Was machst du?“ Ich erkenne seine Stimme. Das muss sein Umriss sein vor dem Durchgang zum Flur.
„Keine Ahnung.“
Wir sehen uns um in der Dunkelheit. Nach einem Moment, solange wie ich immer zählen muss, wenn wir Verstecken spielen, kann ich ein bisschen was erkennen.
„War das eine Geheimtür?“
Weil jetzt immer mehr von dem Licht in den Raum reingeflossen ist, können wir einen schmalen Gang erkennen. Den schleichen wir entlang. Leon voraus, der ist immer so mutig.
„Bleib dicht hinter mir. Ich geb‘ dir Schutz.“
Nicht weit und wir kommen zu einem winzigen Zimmer. Ein ganz komisches Zimmer. In der Dunkelheit sehe ich überall auf dem Boden verstreut Lippenstifte, Schlüssel, Kaugummis und so Zeug, das meine Mutter in ihrer Handtasche hat. Ganz viele verschiedene Handtaschen liegen auch überall rum. Barbie hätte ihre Freude, obwohl nicht alle schön sind. Und die wenigsten sind rosa. In einer Ecke sind ganz viele Geldbeutel, aber ganz durcheinander, aus manchen sind die Münzen rausgefallen oder Ausweise, Zettel und so Sachen.
Aufräumen müsste man hier mal richtig.
Da liegen auch leere Handys, also die Hüllen von Handys.
„Wow“, staunt Leon neben mir. „Du hast das Versteck von Spectre gefunden!“
Er hat ganz große Augen und ich fühle mich wie an meinem Geburtstag. Wir wühlen ein bisschen in den Sachen. Leon findet eine winzige Taschenlampe an einem Schlüsselbund und macht sie ab.
Ich hebe eine Handyhülle auf, die schwach glitzert, wie eine Meerjungfrau. Man kann sie zuklappen wie ein Buch, und sie hat sogar einen Verschluss. „Leon, ich will das Mama zeigen.“
„Ja, lass uns zurückgehen. Wir müssen unbedingt morgen wiederkommen!“
Bevor wir uns auf den Flur zurücktrauen, lauschen wir, ob die Luft rein ist. Dann schlüpfen wir schnell raus und ziehen die Geheimtür zu. Wenn man von ihr nichts weiß, kann man sie gar nicht erkennen.
Wir schleichen die Treppe runter und unten an der Wand entlang, wegen der Deckung. Durch die große Tür raus, auf den Platz vor der Villa, wo ein paar Autos parken.
Ein Mann kommt. Er hat keine Haare mehr, so wie Leons Papa, sieht aber nicht so nett aus. Er riecht auch komisch, finde ich.
Jetzt versucht er, nett zu sein, denn er lächelt und sagt: „Du hast aber ein schönes Handy.“ Dabei deutet er auf die Meerjungfrauhülle in meiner Hand.
Ich lache: „Das ist gar nicht echt.“
Leon zieht mich schon weiter. Wir biegen um die Ecke der Villa, da höre ich den Mann rufen: „He, wartet!“ Jetzt klingt er nicht mehr nett.
Leon schreit: „Lauf, Finja!“
So schnell ich kann, renne ich hinter ihm her. Erst die Treppe runter, dann die zwei Terrassen mit den Palmen, aufpassen wegen dem kaputten Boden, dann der Durchgang zum Liegeplatz. Wieder habe ich keine Chance, Leon einzuholen. Als wir bei unseren Eltern ankommen, sind wir in Sicherheit. Ich bin außer Puste und lache los: „War das Spectre?“
Leon lacht nicht, er versteckt sich hinter seinem Papa Sören und sieht ganz erschrocken zum Durchgang, aus dem wir gerade kommen. Als ich auch dorthin schaue, steht der Mann mit der Glatze da und guckt ganz streng.
Ich krabble zu meiner Mama.
Irgendwann geht der Mann weg.
„Leon? Finja? Was ist los? Habt ihr was angestellt?“, fragt Sören.
Leon fängt an zu erzählen, wo wir waren und ich erzähle, was wir gefunden haben. Unsere Eltern werden ganz ernst und sprechen aufgeregt miteinander. Sie schimpfen gar nicht mit uns und doch bekomme ich Angst. In meinem Kopf ist ein Durcheinander, viel mehr als in dem winzigen Zimmer.
Mein Papa zieht sein Handy raus und sagt: „Ich rufe jetzt die Polizei.“
Wir packen unsere Sachen zusammen und gehen zu unserem Auto. Als wir an der Villa vorbeifahren, sind dort viele Polizeiautos und richtige Polizisten laufen rein und raus. Wir müssen warten, weil die Straße verstopft ist. Ich drücke meine Nase an die Autoscheibe, um genau zu gucken.
Da kommen Männer raus, dicht hinter jedem ein Polizist. Der mit der Glatze ist auch dabei. Der Polizist hat ihm den Arm auf den Rücken gedreht und führt ihn, wie einen echten Gangster.
Beitrag zur Lesung der Literarischen Quadrate im September 2023 in Mannheim.