Hingerissen
Das Lampenfieber brachte Lisa zum Beben. Von hier oben blickte sie in die Gesichter von so vielen Kollegen und sah ein Meer von Augen auf sich gerichtet. Auf sich und die anderen Sänger des Jubiläumschors. Der Wind, der um die nüchternen Bürogebäude strich, ließ sie frösteln. Lisa hoffte, dass sich die Sonne endlich durchsetzen und den Innenhof aus dem Schatten holen würde.
Der Bass summte tief, Alt und Tenor setzten ein, zwei Takte später folgte Lisa zusammen mit dem Sopran. Durch das Singen tauchte sie ein und die Melodie ergriff von ihr Besitz. Ihre Stimme verband sich mit denen der anderen. Sie verschmolzen zu einem Ganzen, formten eine Einheit, sie alle, wenigstens für eine kurze Weile. Lisa sehnte diese Harmonie herbei, die Tröstende, die sie gerade so sehr benötigte.
Die Musik zog sie empor von dem Sog in dunkle Tiefen, der sie die letzten Tage ergriffen hatte. Im Gleichklang mit den anderen schwebte ihre Stimme, ließ ihre Seele leicht werden und fliegen, ließ ihr Herz für den Moment vergessen, was geschehen war.
Die Beschwingtheit breitete sich in ihrem Brustkorb aus und erfasste ihren ganzen Körper. Sachte löste sich die Erstarrung, bis sie bröckelte und brach.
Nach dem Applaus folgte Lisa gedankenversunken ihren Mitsängern zu den Bänken in den vorderen Reihen, immer noch erfüllt von dem gerade Erlebten.
Ja, sie wollte die Bitterkeit vertreiben, die Enttäuschung.
Philipp würde nach Griechenland ziehen.
Ein bis zwei Jahre, hatte er gesagt. Sie war noch immer fassungslos.
Ihre Gesangskollegin tuschelte über den Ablauf ihrer Darbietung, kicherte mit geröteten Wangen über kleine verpatzte Stellen und die falsche Wiederholung.
Dann geh‘ doch! Ich komme allein zurecht.
Der Leiter des Marketings hielt eine Rede, der Lisa kaum Beachtung schenkte. Bevor er das Mikrofon verließ, kündigte er einen besonderen Genuss an.
Jan, der stille Kollege aus dem Controlling, umrundete das Klavier und nahm auf dem Hocker Platz. Lisa staunte, denn ihm folgte mit entschlossenem Schritt Philipp. In der Hand trug er das golden glänzende Saxophon. Jenes, das Lisa in der Ecke seines Zimmers hatte stehen sehen.
Er wirkte in sich gekehrt, fast streng, die Augenbrauen zusammengezogen, so sehr, dass die senkrechte Stirnfalte hervortrat. Er öffnete die Mappe auf dem Notenständer.
Mit verschränkten Armen lehnte Lisa sich zurück. Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass er das Instrument so gewandt beherrschte. Auf ihr Nachfragen hatte er nur nachlässig mit der Schulter gezuckt.
Und jetzt war Lisa nicht sicher, ob es sie überhaupt noch interessierte. Denn unvermittelt kehrte die Erstarrung der letzten Tage zurück. Zwei Wochen hatten sie nicht gesprochen. Zwei Wochen war es her, dass er von dem Projekt in der griechischen Niederlassung erzählt hatte.
Der Schmerz flammte auf und es gelang ihr nicht, ihn zu unterdrücken.
So leichtfertig gibst du uns auf? Diesen Ort, der unser Zuhause werden sollte? Für dein Abenteuer?
Philipp kündigte sein Stück nicht an. Er sah kurz auf, direkt zu Lisa.
Lag Bedrücktheit in seinen Augen?
Trauer?
Als Jan zu spielen begann, richtete Philipp den Blick auf seine Noten. Langsam löste sich seine Anspannung, seine Miene wurde weicher, vertrauter, die Stirnfalte verschwand. Er setzte das Mundstück an, begann zu spielen.
Ruhig, doch intensiv.
Warme, heisere Töne erfüllten die Luft.
Philipp gab den Klängen ein Sehnen, das fast greifbar wurde, legte ein Seufzen hinein, getragen von leiser Wehmut. Lisa rückte auf ihrem Sitz umher, während Schauer durch ihren Körper liefen.
Klavier und Saxophon schienen zu plaudern. Sie erzählten von Tanzen und Träumen, von Freude und Feiern, erinnerten an Leichtigkeit und Leben. Trotz ihres Sträubens vergaß Lisa die kahlen Mauern und die Menschen um sich.
Philipp wiegte sich, zusammen mit seinem Instrument, eingebunden in die Musik. Seine dunkelblonden Haare fielen ihm in die Stirn, während seine Finger über die Klappen flogen.
Mit banger Erwartung hatte er sie angesehen, als er das Projekt in Griechenland zur Sprache brachte. Hatte ihre Hand genommen.
Aus der Melodie hörte Lisa ein Rauschen heraus, ein Singen, das sie schmerzlich an das Meer erinnerte. Sie hörte es genau: Eine leichte Brandung, das behutsame Anrollen und Abebben der Wellen, das mit jedem Mal an Intensität zunahm. Sie sah weiße Wattegebilde, die sich im endlosen Blassblau des Himmels auftürmten.
Ihr Urlaub mit Philipp, dort in der Bretagne.
Wo sie Hand in Hand an der felsigen Küste entlang spazierten, erzählend und lachend, immer wieder unterbrochen von Umarmungen und Küssen. Wo sie sich zusammen in seine Windjacke einkuschelten, während sie ihre Füße in Sand und Meeresschaum vergruben.
Damals, als alles so leicht war.
Die Melodie ergriff von Lisa Besitz. Dort, wo zuvor die Erstarrung zerbröselt, wo Raum entstanden war, breitete sich fließende Wärme aus, wollte sie sättigen. Die Musik füllte sie aus. Voll, überquellend, lebensspendend.
Lisa schloss ihre Augen.
Ausgerechnet Philipp!
Natürlich Philipp, der sie derart mitriss!
Leise hatte er gefragt, ob sie ihn begleite.
Warum nur habe ich so hart reagiert? Wovor bin ich davongelaufen?
Tränen lief ihr übers Gesicht.
Habe ich dich verloren?
Philipp zeigte die Kraft des Saxophons, den Innenhof zu füllen, über die Zuhörer hinweg. Mit einem machtvollen Finale rief er alle zurück von der sommerlichen Reise, holte sie heim von der luftigen Traumwelt.
Er beendete das Stück verschlossen, wie er es begonnen hatte, aber aufrechter, sicherer und stärker.
So gerne würde Lisa ihm über die Wange streichen. Wie sie es oft getan hatte.
Der letzte Ton verklang noch, da riss der Applaus Lisa aus den Gedanken. Das Ende der Musik, es glich einer schmerzlichen Leere und Sehnsucht blieb zurück. Sie wünschte sich mehr von der Musik, wollte sie weiter spüren, hören, genießen. Wollte weiter träumen und seufzen.
Doch noch viel mehr sehnte sie die Unbeschwertheit mit Philipp zurück.
Ob es vielleicht auch ein Projekt für mich gibt? Dort in Griechenland?
Es gelang ihr nicht, die Augen von ihm zu lösen.
Er sah auf.
Sein Blick traf ihren.
Beitrag zur Lesung der Literarischen Quadrate im März 2023 in Mannheim, Thema: "Hingehaucht und hingerissen".
Veröffentlicht im gleichnamigen Band "Hingehaucht und hingerissen" der Literarischen Quadrate, ISBN: 9783758370458.