Tour durch die Nacht

Linas Rücken schmerzte, als sie sich seufzend aufrichtete und sich die Haare aus der Stirn wischte. Auspacken und Einrichten sollten warten, es waren noch genug Kisten übrig. Jetzt verlangte es sie nach Luft, nach Weite, nach Frische. Während die neuen Kommilitonen im Wohnheim längst in Filmen versanken, zog sie sich die Jacke über und glitt hinaus in die Dunkelheit.

Die Stadt wirkte noch unvertrauter. Dieselbe Straße, die sie am Morgen zum ersten Mal zur Uni genommen hatte, die unter Fahrrädern, hupenden Autos und eiligen Menschen gebebt hatte, lag nun da wie ausgestorben. Ladenfronten waren verstummt, Schaufenster erblindet. Einsame Lampen warfen Inseln aus kränkelndem Licht auf den Asphalt. Gerüche von modrigem Pflaster und Fremdem hingen in der Luft. 

Lina zog fröstelnd ihre Jacke enger.

An der Ecke eines Platzes träumte ein Taxi. Das verwaschenem T-Shirt des Fahrers kontrastierte kaum seine blonden Haare. Die Hände über dem Lenkrad abgelegt, wirkte der junge Mann, als hätte er die Welt kurz verlassen. Er sah auf und sie nickte: er war ein Kommilitone aus dem Uni-Seminar vom Morgen. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

Trotz dunkler Ringe unter den Augen zwinkerte er ihr zu: „Es ist spät. Bist du nicht müde?“ 


Sie zuckte mit den Schultern: „Du dafür umso mehr.“

Er stellte den Sitz aufrechter. „Es ist am schwersten, wenn nichts los ist.“

Sie nickte, hob die Hand zum Gruß, wandte sich zum Gehen.

„Wohin musst du? Ich könnte dich bringen.“

Mit einer vagen Handbewegung deutete sie Richtung Innenstadt. „Ich bin neu, will mich umsehen.“

„Also: kleine Stadttour durch die Nacht.“ Seine Augen schwankten zwischen Müdigkeit und sanfter Wärme.

Lina überlegte nur einen Moment, dann stieg sie ein. 

So fuhren sie los. Levin zeigte ihr Seiten der Stadt, die es nicht auf Postkarten schaffen würden und Lina dennoch anrührten: Die Passage, in der man die besten Rosinenbrötchen bekam. Das kleine Kino, das mittwochs Alternativfilme zeigte. Der Park, in dem Jugendliche Jonglieren übten. Der Imbiss, dessen Besitzerin die beste Currywurst briet. Die Bar, in der sein Kumpel Leo Cocktails mixte. 

Lina fühlte sich durch die Stadt getragen, sog alles auf: Levins Geheimtipps, die kleinen Geschichten, die er dazu erzählte.

„Kannst du kurz anhalten?“ Lina wies auf einen Seitenstreifen.

„Was hast du vor?“

Sie stiegen aus, liefen ein paar Schritte zurück auf die Brücke, die sie eben überquert hatten. Unaufhaltsam schob sich das Wasser unter ihnen vorbei, auf ihm einen Schimmer von Sternen. 

„Unglaublich“, entfuhr es ihr. Sie wies in die Richtung, aus der die Fluten kamen. „Dort, wo ich herkomme, ist der Fluss sehr jung, hastig. Mit zwei Sätzen kann ich ihn überspringen. Und hier ist er so mächtig, ehrwürdig.“

Levin sah hinab, dann wieder auf, in die Ferne. „All die Bäche, kleinen Flüsse, die ihm unterwegs begegnen, lassen ihn anwachsen.“

Lina nickte: „Begegnungen sind wunderbar!“

Als Levin sie zurückbrachte, erkannte sie die Schaufenster wieder, die ihre Geheimnisse bis zum nächsten Tag hüteten. Die Straßenlampen spendeten buttriges Licht und wiesen ihr den Weg. Auf dem kleinen Platz neben dem Taxistand entdeckte sie Bäume und einen Springbrunnen darauf.

„Kann man dort tagsüber im Schatten Kaffee trinken?“

„Kann man.“

„Schmeckt zu zweit bestimmt besser.“ Lina stieg leichtfüßig aus dem Wagen und Levin lächelte.

Die Stadt war dieselbe. Und doch auch nicht mehr.

Beitrag zur Lesung am 25.9.2025 an der Mannheimer Abendakademie, "Wege der Nacht"